19 Dezember 2005

RTL leistet moralische Aufbauarbeit: Pearl Harbor im TV

Achtung: Die nachfolgende Rezension enthält "explicit language" und ist daher nicht für Kinder unter 6 Jahren geeignet !!!



Die Umfragewerte des US-Präsidenten George "Double U" Bush im Keller und instabile Lage auf den Kriegsschauplätzen rund um den Globus.
Was kann man tun, um der gegeisselten amerikanischen Patriotenseele Linderung zu verschaffen?
Actionsender RTL weiß Rat und hievt einen "Dokumentarfilm" über eine glorreiche Schlacht zur besten Sendezeit an Weihnachten ins Programm: Pearl Harbor (So. 25.12.05, 20.15 Uhr).
"Moment mal !" wird der eine oder andere nun denken. "Glorreiche Schlacht und Pearl Harbor? Was soll an einer Schlacht glorreich sein bei der die Amerikaner eiskalt überrascht wurden und auf einen Schlag 2476 Männer sowie einen großen Teil der Seeschiffe verloren?" Gute Frage ! Warscheinlich würde jeder normal Sterbliche so denken. Nur Hauruck-Regisseur Michael Bay (Bad Boys I & II, The Rock, The Island) nicht. Bay schafft es, eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Kriegsgeschichte in einer patriotistischen Art und Weise darzustellen, das einem beim zusehen die Kotze hochkommt.

Die Geschichte des Films verkommt dabei zur Nebensache:
Gemeinsam melden sich die beiden Freunde Rafe McCawley (Ben Affleck) und Danny Walker (Josh Hartnett) beim US Army Corps. Bei der Musterung in New York treffen sie auf Krankenschwester Evelyn (Kate Beckinsale), in die sich Rafe verliebt. Das Glück ist allerdings nur von kurzer Dauer, denn Rafe wird nach England geschickt und bei einem Flugzeugmanöver abgeschossen. Während der einsamen Monate kommen die nach Pearl Harbor versetzte Krankenschwester Evelyn und Pilot Danny sich näher und verlieben sich schließlich ineinander. Gerade als das Glück von beiden perfekt scheint, bricht jedoch der legendäre Angriff der Japaner auf den Hafen von Pearl Harbor los...

Die schmierige Lovestory ist sowas von vorhersehbar konstruiert:
Natürlich taucht Rafe erstmal wieder auf, was zu Problemen führt. Evelyn führt sich nämlich auf wie die Kompanienutte und ist ganz hin und hergerissen. Gut das einer von beiden Männern das Ende des Film aus einer Holzkiste verfolgt, so dass die Entscheidung für den einen oder anderen nicht ganz so schwer fällt...

Beim Angriff auf Pearl Harbor zeigt Bay sein ganzes Können. Die Actionszenen sind ohne Zweifel großartig inszeniert. Die Härte ist jedoch, dass Bay hierbei nicht mit patriotistischen Anspielungen geizt. So treibt eine zerfledderte Amerikaflagge durch das mit Leichen übersäte Wasser und Cuba Gooding Junior darf als (schwarzer) Schiffskoch zeigen, dass in der Stunde des Krieges die Hautfarbe Nebensache ist, solange es nur darum geht Amerika gegen angreifende Feinde zu verteidigen.
Der absolute Oberhammer ist jedoch folgendes Zitat: A: "Gut geflogen". B: "Gut geschossen." A: "Für Amerika!" B: "Für die Freiheit".

Und wer glaubt danach sei Schluss, der täuscht sich gewaltig. Die beiden heldenhaften Piloten Rafe und Danny werden für eine ebenso heldenhafte Sondereinheit ausgebildet, um Vergeltungsschläge gegen Japan zu fliegen bzw. Bomben über japanischen Städten abzuwerfen. Vor dem ersten Einsatz darf natürlich die obligatorische Rede über Sinn und Zweck der Mission nicht fehlen. Diese mehrminütige Rede ist sowas von pathetisch und wurde (um den Umsatz des Films nicht zu gefährden) für die japanische Fassung entfernt.
Natürlich wird aber auch dieses Flugzeug abgeschossen, den kampfgestählten Piloten Danny und Rafe gelingt es jedoch nur mit einer Pistole bewaffnet eine ganze Kompanie Japaner niederzumähen. Jedoch stirbt hier einer der beiden Protagonisten den Heldentod um seinen Freund zu retten, den was zählt ist die Mission.
In diesem Sinne:

God bless America !


2 Kommentar:

Am Dienstag, 20 Dezember, 2005, Anonymous thwidra meint...

Bei allem Pathos und nicht vorhandenem Realismus (ich weiß, dieses Wort im Zusammenhang mit diesem Film...), ich finde den Film so wie die meisten Bay-Filme äußerst witzig und unterhaltsam. Unfreiwillig komisch? Mir egal, ich habe meinen Spaß daran. Und so ganz kann ich Bay dann eine gewisse handwerkliche Fertigkeitskunst beim Filmemachen dann doch nicht absprechen...

 
Am Dienstag, 20 Dezember, 2005, Blogger Bastian meint...

Grundsätzlich bin ich auch ein Fan von Michael Bay ("The Rock" und "Bad Boys I & II" zählen zu meinen absoluten Lieblingsfilmen). Es stimmt auch das er eine gewisse handwerkliche Fertigkeitskunst besitzt (siehe a) die großartig inszenierten Actionszenen und b) die teilweise hervorragenden Kameraeinstellungen in all seinen Filmen). Jedoch ändert das leider nichts an der Tatsache das Michael Bay in diesem Film (teilweise auch im meiner Meinung nach ebenfalls unsäglichen "Armaggedon") zu sehr auf die Patriotismustube drückt und der Film dadurch für einen Bewohner des alten Europa schwer zu ertragen ist.
Zudem wirkt der ganze Film zu unausgegoren. Für einen Actionfilm ist zuviel Schnullze drin, für eine Schnullze ist zuviel Action drin.
Die ganze Geschichte ist doch sehr dünn und man wartet eigentlich die ganze Zeit nur "auf den großen Moment".
Eine ausgewogene Mischung hat Bay leider nicht hinbekommen.
Ich finde die Textpassage aus dem "Team America Soundtrack" passt da wie die Faust aufs Auge.
Dort gibt es ein Lied, in dem der Sänger seine Geliebte mehr vermisst, als Pearl Harbor seine Handlung verfehlt hat. Damit benutzt er die Schwächen des Films, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen:
"I miss you more than Michael Bay missed the mark,
When he made Pearl Harbor.
I miss you more than that movie missed the point,
And that's an awful lot, girl."
Und da kann man ihm nur Recht geben...

 

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